Archiv für die Kategorie „Musikwissenschaftler M.A.“

Spielt die Welt jetzt Vuvuzela?

Samstag, 12. Juni 2010

Ein Instrument spaltet die Fußballwelt. Oder sind sich alle einig, das das neu aufgetretene Plastikinstrument bei der WM in Südafrika für positive Stimmung im Stadion sorgt? Viele Blogs und Berichte bekunden ihre ablehnende Meinung dieser Fantrompate gegenüber, weil sie zu laut sei und zu monoton eingesetzt wird. Insgesammt nehme sie dem Spiel die Athmosphäre, besonders die Motivierende für die Spieler. Wo sonst Gesänge und Sprechchöre zu hören sind, wird in dieser WM nun die Vuvuzela geblasen. Können aber durch sie Emotionen über verpasste Chancen, gute Situationen, also Protest und Lob ausgedrückt werden? Reichen die spielerischen Fähigkeiten der Fans oder Klangmöglichkeiten des Instrumentes aus, um Fangesänge zu ersetzen?

Viele sehen die Vuvuzela aber auch als typisches, dazugehöriges Instrument am aktuellen Austragungsort in Südafrika. Die Menschen sind froh, für einen kurzen Zeitraum in das Interesse der Weltöffentlichkeit rücken zu können und „schreien“ dies laut und unüberhörbar hinaus. Eine ungeheure Euphorie geht in den Townships um, wo es selbst an fliesend Wasser, Strom, Straßen und anderen grundlegender Infastruktur mangelt. Autocorso- unmöglich, ebenso Fanflaggen an Autos. Die billige Vuvuzela ermöglicht die akustische Identifikation mit dem Sport und damit eine alles übertönende Flucht aus der Realität. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Interessant finde ich auch das Argument, die Vuvuela zerstöre die traditionelle Fankultur in Südafrika, welche vorrangig aus Gesängen und Trommeln bestand. Dadurch konnte das Gefühl eines Miteinander besser gestärkt werden, gerade auch durch Melodie, Rhythmus und Worte, welches bei dem aktuellem Spiel auf der Tröte fast vollständig verloren geht. Eine neue Kultur entsteht, angeblich noch keine zehn Jahre alt.

Natürlich ist es ein Problem, das das Instrument bis über 100db laut werden kann, also ähnlich laut wie eine Diskothek oder ein Kampfjet. Und bei Dauerbelastung am Ohr wird die Schmerzschwelle schnell überschritten. Dies kann zu permanenten Gehörschädigungen führen, besonders, wenn man inmitten einem Vuvuzela Orchester steht. Bei der Gesundheit sollte der Spaß aufhören und Rücksicht anfangen. Aber vielleicht lohnt es sich dann doch, in die Hörgeräteindustrie zu investieren. Und beim Spiel Ohrenstöpsel zu tragen.

Eigentlich ist diese einfache Naturtrompete sogar dazu geeignet, Musik damit zu machen. Man kann kleine Melodien darauf spielen, welche nicht sonderlich toll klingen, aber im Chor schon etwas her machen können. Das erfordert aber etwas Übung und den Willen zur Koordination. Dagegen ist es befremdlich, wenn fast alle „Spieler“ oder besser Benutzer dieser „akustisches Killerbiene“ nur reintröten, und den lautest möglichen Ton herausposaunen. In diesem Fall kann das sonore Grundtröten (bei 100db !?) im Stadion einem schon die Lust am Event nehmen.

Rettung soll jetzt ein Schalldämpfer bringen, mit welchem die europäischen Vuvuzelas der Urbas Kehrberg GmbH ausgerüstet sind. Damit soll, laut eigener Website, der Schallpegel von 138,1db um sagenhafte 13db auf 125,5db gesenkt werden. Aha, das ist aber immer noch schweinelaut und Gesundheitsschädlich. Und ob nun Presslufthammer oder Tornado am Ohr, das macht nun auch keinen großen Unterschied.

Und für alle Sparfüche- ein Trichter mit Gartenschlauch tut es wohl auch. Oder man organisiert sich ein Alphorn aus den Schweizer Bergen. Verwandte und Alternativen gibt es genug.

Quellen:

www.vuvuzela.ch - Schweizer Seite über das unterarmlange Instrument

- Bringt als Alternative zur Gasfanfare neue Atmosphäre ins Stadion

- Preis: ab 8€

- gestalte deine Vuvu selbst

- Laustärke über 100 db

- Maße: 62 cm lang, Mündung 13 cm breit

Spiegel.de - Tröten schadet dem Spielfluss, können die Mannschaften nicht von außen unterstützen

- Verbot allerdings könnte als Angriff auf die südamerikanische Kultur gewertet werden

BBC - Broadcaster würden sie gerne verdammen

- sie ist Teil des SA Fußball

Wikipedia - Schmerzgrenze, Kampfjet, Diskothek
Vuvuzelas.org - gesundheitsschädlich
Youtube - Melodien sind auch möglich

- iVuvuzela

Urbas Kehrberg GmbH - v. mit Schalldämpfer, 3-teilig
Timeslive - V. zerstört die SA Fankultur

Carlos Bica’s Azul

Donnerstag, 8. Oktober 2009

11. November 2003, Die Scheune

Südländische Leichtigkeit mit einem Touch Downtown-Hippness

Zum Karnevallauftaktstag am 11.November gastierte der gebürtige Portugiese Carlos Bica in der Scheune in Stötteritz. Die Band „Azul“ komplettierten der Gitarrist Frank Möbus und der Schlagzeuger Eric Schaefer.

Gegen 21.30 Uhr ertönte der Gong zum Konzertauftakt. Der Jazz-oder-nie-e.V bedankte sich für das rege Erscheinen – nicht gewöhnlich für einen Dienstagabend. Der Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt, selbst Randplätze waren diesmal Mangelware. Gut gelaunt konnte es nun losgehen. Unter viel Applaus betraten die Musiker die Bühne. Frank Möbus und Eric Schaefer waren schon des öfteren in Leipzig zu hören gewesen; mit ihrer Band „Der Rote Bereich“ haben sie einige Erfolge zu verzeichnen. Natürlich waren deren Fans ebenso zugegen wie die von Carlos Bica. Dieser hatte einen umjubelten Auftritt zuletzt beim hiesigen „Strings of Fire – Festival“ im Gewandhaus.

Mit einem gediegenen Jazzstandard begannen die drei zu spielen, im wahrsten Sinne des Wortes. Gleich im ersten Song ließ Frank Möbus die Finger über sein Griffbrett fliegen, dass es eine Wonne war, akustisch wie visuell. Den anschließenden Song intonierte Carlos Bica mit einem sehr schönen Bass-Intro. Er bevorzugte Flageoletts und Oktavtöne im „12. Bund“ seines Kontrabasses. Erst streichend, dann zupfend. Mit genauem Timing setzte die Band mit einem swinging-funky Groove ein. Eric Schäfer überraschte mit einem Handsolo; er hatte verschiedene Perkussionsinstrumente mitgebracht. Es raschelte und klirrte nur so, aber – just in time. Des öfteren konnte man bei dieser Musik eine frische Meeresbrise assoziieren, so relaxt und luftig war sie.

Nach einer kurzen Pause schaltete Frank Möbus noch einmal seinen Loop-Delay an. Live eingespielte Loops waren ihm die Basis, auf der er sein solistisches Können frei entfalten konnte. Entsprechend wurde ihm Applaus gezollt. Die verjazzte Version von „Mission Impossible“ berauschte die Musiker selbst, alle legten sich mit innigen Soli ins Zeug. Carlos Bica strich virtuos die Saiten seines Basses, Eric Schaefer klopfte, schnarrte und kratzte die Perkussions und Frank Möbus ließ die Finger über den Steg gleiten.

Ein sehr schöner Abend mit einem richtig guten Team ging viel zu schnell zu Ende. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

(Jens Köckritz)

veröffentlicht im Kulturtagebuch LEIPZIG-ALMANACH, siehe www.leipzig-almanach.de/

A Tickle In The Heart featuring Pesakh Fiszman

Donnerstag, 8. Oktober 2009

30. September 2003, naTo

Pesakh Fiszman – jiddischer Geschichtenerzähler (aus New York)

Swing & Klezmer Trio Köln:

Thomas Fritze - Kontrabass
Bernd Spehl – Klarinette
Andreas Schmitges – Gitarre

Eine Melodie, die bleibt

Klezmer- Musik ist die Folklore des jüdischen Volkes. Stark vom Germanischen geprägt, beschreibt sie Deutsch als einen der schönsten Dialekte im Jiddischen. Und tatsächlich konnte man auch den Geschichten von Pesakh Fiszman sehr gut folgen. Als Jiddisch lehrender Kosmopolit versteht er es aufs Beste, die Menschen für seine Muttersprache zu begeistern. Durch Reisen nach Israel wurden auch die musikalischen „Drillinge“ von A Tickle In The Heart von dem klingenden Zeitzeugen angesteckt. Sie sind bei Pesakh Fiszman in die Lehre gegangen und das Ergebnis kann sich hören lassen. Das Kölner Trio sang jiddisch und pries sogar ihren Silberling in dieser Sprache an, was eine besondere Stimulation der Kauflust zur Folge hatte.

In den zweieinhalb Stunden Programm wechselten Geschichten „aus der Heimat“ mit fröhlichen und teils nachdenklichen Klezmer-Weisen. Gebannt lauschten die rund 100 Zuhörer u.a. der Geschichte vom Dshabe (Frosch) und dem Holtsheker, welcher für seine Bescheidenheit reich beloht wurde und so einen schönen shabbes feiern konnte. Fiszman berichtete weiter, mit faszinierender Gestik, vom Purimfest (man feiert Purim, um sich an den ersten Versuch der Judenausrottung in der Perserzeit zu erinnern), dem Sinken der Titanic und von den Problemen der Integration in der neuen Heimat Amerika, denen Teile des jüdischen Volkes während der NS-Zeit ausgesetzt waren.

Quasi klassisch musikalisch wurden die Geschichten ausgemalt: z.B. mit Walking-Bass bei Laufszenen, kurzen Einwürfen zum Wasserplätschern, hungrigem Bass-Knurren des Bären in seiner Winterhöhle, mit einer Klarinettenmelodie zum Frühlingserwachen. Etwas außergewöhnlicher muteten da schon die Schnarcheinlagen von Pesakh Fiszman oder die „double-bass-bongo“ – Perkussion auf dem Kontrabass an. Die vier Künstler waren an jenem Abend so gut gelaunt, dass sie sogar über sich selbst schmunzeln mussten.

Ein heiterer und lehrreicher Abend ging gegen 23.30 dem Ende entgegen, nicht ohne jene Melodie noch einmal erklingen zu lassen, welche den ganzen Abend begleitete. Den Text, die Menschen und die Umstände vergisst man irgendwann, aber die Melodie, die bleibt…

(Jens Köckritz)

Das neue Album (Titel: KlezCats) ist sehr zu empfehlen, für alle Freunde des Klezmer. Die Band spielte in New York zusammen mit Ray Musiker & Howie Leess, neue und alte Kompositionen (u.a. von Goldenstheyns & Beregovskis). Insgesamt fast 80 min tolle Musik, nicht mehr so viel Swing wie früher, dafür ist die Musik traditionsbewusster geworden. Kein Wunder, bei so hochkarätiger Besetzung! Im Booklet sind auch noch die Tanzschritte erklärt.

veröffentlicht im Kulturtagebuch LEIPZIG-ALMANACH, siehe www.leipzig-almanach.de/

Phantom der Chicagoer Jazz Szene

Donnerstag, 8. Oktober 2009

29.05.2003, Scheune Stötteritz
Ted Sirota`s Rebel Soul Trio

Ted Sirota – Schlagzeug
Clark Sommers – Kontrabass
Geof Brandfield – Saxophon

Als ich am Himmelfahrtstag die Scheune in Stötteritz betrete, blicke ich mich erleichtert um, als ich keine grölenden „Männer“ erspähe, sondern ein sehr ausgeglichenes Publikum vorfinde. An die 90 Besucher sitzen gemütlich schwatzend an ihren Tischen und genießen ihr Kaltgetränk bei einem guten Plausch. So ziemlich jede Altersgruppe ist vertreten, so ab 16 Jahren würde ich sagen. Der Saal verstummt, als gegen 21 Uhr die Ted Siota´s Rebel Souls die Bühne betreten und…

…zünftig losjazzen? Nein, so eine filigrane und ästhetische Art, den Sound jedes einzelnen Instrumentes zu entlocken, erstaunt mich sehr. Die traditionelle Art – Swingrhythmus und Walkingbass untermahlen die Bläser – steht heute nur als Intro oder Outro an. Ted Sirota spielt Schlagzeug und hat die Combo fest im Griff. Alle Einsätze passen perfekt, Spontanes wird mit Gestik angezeigt. Ein Nicken zu Clark Sommers am Kontrabass und jener spielt Grooves oder improvisiert über das Thema, welches Geof Brandfield am Tenorsaxophon weiterspinnt. Immer wieder gibt es Soloeinlagen der einzelnen Künstler, wobei immer neue Ideen hervortreten.

Seit 1995 ist Ted Sirota Bandleader und einziges festes Mitglied seiner Band. Nie hat er seitdem länger als zwei Jahre mit denselben Leuten gespielt. Dabei kann aber von Verschleiß keine Rede sein. Die Ursprungsbesetzung mit Kevin Kizer, Jeff Parker und Jeff Hill änderte sich bis 1988 zu Kevin, Jeff, Ted, Rob Mazurek und Noel Kupersmith. Eben deswegen werden die Rebel Souls auch ein Phantom der Chicagoer Jazz Szene genannt.

Am Ende des ersten und zweiten Teiles kommt noch Mathias Zeiske mit der Gitarre auf die Bühne. Der ehemalige Leipziger Musikstudent hat die Jungs in Chicago kennengelernt und ihre Tour durch Deutschland organisiert. Er unterstreicht mit seiner Wah-Jazz-Gitarre das spontane Flair der Band. Man könnte sagen, jeder Song sei eine Anreicherung verschiedener Soli der Akteure, welche durch ihre Charakteristik und Ausdruckskraft miteinander verschmelzen. Zum Beispiel wenn Clark Sommers das Effektspektrum des Basses klingen lässt, spielt Ted Sirota oft nur mit den Fingern auf seinen Drums, schlägt die Seiten des Toms an oder entspannt seine Snare, was einen leisen und perkussiven Effekt erzeugt. Einen Liedanfang intoniert Clark Sommers mit Flageolett-Tönen, welche hinter dem Griffbrett gegriffen werden. Geof Brandfield läßt auch noch sein Sopransax erklingen, was einen neuen Bandsound ergibt.

Ein Abend voller klanglicher Schmäckereien dieses Trios bzw. Quartettes, welches mich zum Liebhaber des neuen Chicago Jazz werden lässt, von dessen jüngstem Spross man sich getrost eine der vier bisher erschienenen Platten zulegen sollte.

(Jens Köckritz)

Mehr Infos:
www.tedsirota.com
oder einfach bei Opus 61 reinhören.

veröffentlicht im Kulturtagebuch LEIPZIG-ALMANACH, siehe www.leipzig-almanach.de/

Pusteblumen in Grenzregionen

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Über ein Konzert für Neue Musik

Bereits zum fünften Male fand am 30. Oktober das Festival „Grenzregionen“ in Leipzig statt. Unter dem Motto „2nd generation“ wollte der Veranstalter, das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig e.V., im Theater Lofft die Schnittstellen zwischen Musik und anderen Medien ausloten. So bot das Forum-Ensemble unterschiedliche Konzepte im Umgang mit musikalischem Material und Elektronik, zeigte ein breites Spektrum der Möglichkeiten dieses Genres.

Als erstes erklang das Werk „Flutes and Cymbals for Cybele“ für Flöte, Percussion und Tape des polnischen Komponisten Kent Olofsson in deutscher Erstaufführung. Ein ruhiger Einstieg mit sanften Klängen der Flöte und gestrichenen Gongs lassen einen Hauch der Entspannung über die ca. 30 Zuhörer gleiten. Nun setzen sphärische Harmonien ein, es klingt nach Ferne und Raum. Rhythmusfrei wird ein sehr virtuoser und feiner Klangteppich gewebt, hauchdünn aber stabil. Ansatzgeräusche und Überblasen der Flöte sind ebenso wichtig dafür, wie der rauhe Klang dreier angeschlagener Flaschen. Pauken und zwei Windspiele erzeugen durch An- und Abschwellen ihres Klanges einen Höhepunkt im Stück.

incideno/fluido“ der Österreicherin Olga Neuwirth ist mit einem Stück für Klavier und Zuspiel-CD ein Kontrast zum eher beschaulichen Anfang. Die Erkundung des tonalen Potentials eines Konzertflügels – mit wehendem Haar des Interpreten – gestaltet sich als interessante Performance. Einige Teile des Klavierklanges sind bereits auf der CD eingespielt, die Lautsprecher allerdings im Flügel unsichtbar integriert. Dem Interpreten sind sieben Elemente zur beliebigen Kombination freigegeben. So wird es zu einem interessanten Spiel, zu erkennen, welchem Medium welche Passage zuzuschreiben ist.

Es folgt die Uraufführung „Polaroid“ des Schweizer Künstlers Andreas Pflüger, der selbst anwesend ist. Das Stück gleicht einer Unterhaltung zwischen Oboe und Klangspur, freundschaftlich sachlich, aber auch mit herben Kontroversen. Symbolisch sollen sich verändernde akustische „Polaroidaufnahmen“ erklingen. Diese verzerren und mutieren bis zur Unkenntlichkeit. Als einziges „live-elektronisches“ Instrument des Abends kommt hierbei eine Polaroidkamera zum Einsatz. In Erwartung eines tollen Effektes schauen die meisten Zuschauer ins Blitzlicht, wenn der Interpret das Publikum fotografiert.

In der Pause lenkt Kai Kauerhofs Installation „Pause Heavy Rotation“, welche im Foyer zu hören und zu sehen ist, die Aufmerksamkeit auf sich. In einem Raum der Erwartungen und des Übergangs zum Eigentlichen schlägt man sich Zeit mit Nebensächlichkeiten tot. Dies hat seine auditive Entsprechung im Abspielen verschiedener regionaler Privatsender durch mehrere im Raum verteilter Radioempfänger. So erklingt aus der einen Ecke Radio Energy, aus einer anderen Oldie-FM. Ganz normal wie im Kaufhaus oder auf der Arbeit. Dies soll die ständige Wiederholung „der größten Hits“ und die „oberflächlichen Reflexe eines glatt gebügelten und weichgespülten Hörers“ aufzeigen. Ebenso symbolisch ist die „Übertragung“ eines Ping-Pong-Spiels sowie das am Ort der Notdurft installierte Radio.

Das abschließende Stück „Tape-Symphony“ von Peter Herrmann enthält wohl die stärksten Gegensätze in sich. Instrumentiert für Violoncello, Klavier und 4-Kanal Tonband klingen zarte Melodien gleich neben heftigen Disco-Beats mit Halleffekten. Dies assoziiert starke Schwankungen in der Raumvorstellung. Ein perfektes Zusammenspiel der zwei Akteure ist Voraussetzung für einen Dialog (bzw. Monolog?) zwischen Mensch und Maschine. Kammermusikalische Melodien, lange Pausen. Plötzlich sehr laut tosende Beats um alle vier Ecken. Das 4- Kanal- Tonband vermag interessante Effekte hervorzurufen. Klänge werden weggepustet und schweben wieder vorüber, kaum zu erkennen, was im nächsten Moment passieren mag.

Sehr interessante Hörerlebnisse bot dieser Abend, was das Publikum veranlaßte, nach der Darbietung angeregt mit den Initiatoren und Interpreten des Forum-Ensembles zu schwatzen.

(Jens Köckritz, 30.10.2002)

veröffentlicht im Kulturtagebuch LEIPZIG-ALMANACH, siehe www.leipzig-almanach.de/


Abschlusskonzert des 6. a-capella Festivals in Leipzig

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Großer Saal des Gewandhauses, 24. April 2005

So schnell können 10 Tage vorbei rauschen, mit internationalen Stimmen und Ensembles. Der 6. Durchgang des a-cappella Festivals fand an jenem Sonntag Ende April seinen Höhepunkt im fast ausverkauften Großen Saal des Gewandhauses. Zum Abschlusskonzert blickte man noch einmal nach allen Richtungen über Deutschlands Grenzen hinaus. Noch einmal begrüßen AMARCORD mit ihrem mitreißenden Charme das Publikum. Nur durch ihren Einsatz entsteht jenes so nette Flair, bei dem jeder Besuch Wärme verströmt und man sich ein bisschen familiär fühlt. Das soll aber nicht bedeuten, daß wenig Besucher zugegen waren, im Gegenteil wurde eine Steigerung um 7 % auf 4300 Besucher erreicht. Beste Voraussetzungen also für ein Wiedersehen 2006.

Das ORLANDO CONSORT präsentierte noch einmal Lieder und Weisen vom Hofe Henry VIII., welcher als Kunstliebhaber und Komponist bekannt war. Und sie überzeugten mit charaktervollen Stimmen, wobei besonders der Alt in Erinnerung bleiben wird. Der 3. Nachwuchspreis in der Geschichte des Festivals ging dieses Jahr an die fränkische a-cappella-Boyband VIVA VOCE. Sie heizten dem Saal mit einem Robbie Williams Medley ordentlich ein , auch legten sie viel Wert auf eine stimmige Tanzchoreografie. Mit frischen Stimmen und unverfälschtem Enthusiasmus gaben sie einen Vorgeschmack auf ihr Konzert im nächsten Jahr.

Richtung Bulgarien entführten uns die fünf traditionell gekleideten Akteure des EVA Quartetts, welche Volksweisen ihres Heimatlandes vorstellten. Teils witzige Arrangements und hochspezielle Techniken wie die schwebende Diaphonie machen diese Volksmusik interessant und geheimnisvoll. Ein schöner “Brauch” war es, daß sich fast alle Künstler nach ihrem Auftritt unter tosendem Beifall zum Publikum setzten, um gemeinsam den Rest des Konzertes zu geniessen.

Die STOUXSINGERS aus Halle überzeugten am meisten mit ihrer Performance. Eine interessante Aufstellung begleitete das Arrangement der Stücke, welche sich durch große Phantasie und flexiblem Stimmeinsatz auszeichnete. Hits der Beatles eindrucksvoll als Gospel interpretiert schufen sie auch eine eigene Sprache, deren Inhalt theatralisch gedeutet werden kann. Den Abschluß des Festivals bildete in diesem Jahr das Ensemble CAMERATA aus Weißrussland, welche mit ihren stimmungsvollen und sphärischen “Sounds you never heared before” einen (Höhe)Punkt setzten. Mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen endete dieser ereignisvolle Abend. Nachbeben des Festivals sind im Radio bei MDR Figaro und Deutschlandradio Kultur zu erleben.

(Jens Köckritz)

veröffentlicht im Kulturtagebuch LEIPZIG-ALMANACH, siehe www.leipzig-almanach.de/

Audio Branding Acadamy

Mittwoch, 7. Oktober 2009

(((ABA)))

Am 14. November 2009 werden sich in Hamburgs Speicherstadt Fachleute und Interessierte des Themas Audio Branding treffen und einen Kongress abhalten.

Es soll als Forum dazu dienen, die Disziplin stärker in Wissenschaft und Praxis zu etablieren und besonders von den Zielen klassischer Werbemusik abzusetzen. Dazu ist es immer noch notwendig, ein klares und einheitliches Vokabular zu etablieren. Auch Methoden zur Vergleichbarkeit und Qualitätssicherung stehen auf dem Programm.

Die Organisatoren der Veranstaltung sind Cornelis Ringe, Kai Bronner und Rainer Hirt, allesamt bekannt aus Publikationen zum Thema Audio Branding und durch ihr langjähriges Engagement auf diesem Gebiet.

Das Programm wird parallel je zwei Veranstaltungen anbieten, welche im Dialog im Dunkeln in Hamburg stattfinden. Ganz besonders freue ich mich auf die Berichte von Prof. Dr. Adrian North aus GB sowie Prof. Carl-Frank Westermann vom Studiengang Sound Studies der Udk Berlin. Der Tag wird mit einer Debatte um Audio, Acoustic, Sound or Sonic? seinen Abschluss finden.

weitere Links:

http://audio-branding-academy.org

http://audio-branding.de/

http://hörmarke.de/

Acoustic Branding

Samstag, 3. Oktober 2009

Thema: Acoustic Branding: „Qualitative und quantitative Untersuchung zur Wirkung von Telefonwarteschleifen“

Von September bis Dezember 2008 hatte ich die Möglichkeit, bei der audio consulting group Hamburg im Rahmen eines Kundenprojektes meine Untersuchung durchzuführen. Den Onlinefragebogen kann man sich hier ansehen. Vielen Dank dabei an die Entwickler der Open Source Umfragesoftware Limesurvey. Damit konnte ich schnell und kostengünstig mein Projekt umsetzen. Das untenstehende Abstract gibt es auch in Abstract English, das dazugehörige Poster “Please hold the Line” gibt ebenfalls einen kurzen Überblick und lädt zur Diskussion ein.

Abstract:

Hintergrund

Unternehmen und Marken geben sich eine Identität, um sich von Mitbewerbern abzuheben und im Überangebot aufzufallen. Dies ist ein interdisziplinäres Interessenfeld von Marketing, Psychologie, Soziologie, Komposition und in Kombination: der systematischen Musikwissenschaft. Bei diesem rein akustischen Kommunikationskanal betritt der Kunde das Foyer des Unternehmens quasi durch die Ohren, welche alle verfügbaren Informationen verarbeiten, um ein meist unbewusstes Gefühl der Zuneigung oder Ablehnung zu generieren.

Ziele

Die Studie untersucht den Einfluss von Musik, Sprache und Geschlecht bei der Wahrnehmung von Telefonwarteschleifen. Der quantitative Teil baut thematisch und methodisch auf der Arbeit von Zander1 und Kapp auf. Im qualitativen Teil wurden allgemein positive und negativen Elemente von Telefonwarteschleifen erhoben, um ein generelles Bild des Metiers zu erhalten.

Methode

80 Probanden nahmen an einem Online-Fragebogen teil. Um ein realistisches Szenario zu simulieren, wurden die Probanden gebeten eine Telefonnummer zu wählen und sich die Wartemelodie und -Ansage anzuhören.

Dabei erfolgte die Zuordnung zu einer von sechs Gruppen (siehe Abb. 1)

Gruppe 1 2 3 4 5 6
- Musik 1

- männlicher Sprecher

- Musik 2

- männlicher Sprecher

- keine Musik

- männlicher Sprecher

- Musik 1

- weiblicher Sprecher

- Musik 2

- weiblicher Sprecher

- keine Musik

- weiblicher Sprecher

Tabelle 1: Eigenschaften der Gruppenstimuli beim 2*3 multifaktoriellem Design

Daraufhin beantworteten sie 58 quantitative Fragen hinsichtlich der Wirkung des Sprechers (Giessen-Test2) und der Markenwirkung (semantisches Differential nach Ertel3). Die bipolaren Items waren jeweils auf einer Skala von -3 bis 3 abzustufen. Zwei offene qualitative Fragen ergänzten den Fragebogen.

Ergebnisse

Die Hälfte der Probanden konnte Fragen zur Geselligkeit der sprechenden Person und deren Umgang mit Geld nicht beantworten (neutrale Urteile). Besonders gut konnten dagegen Geduld, Anziehungskraft und schauspielerische Fähigkeiten eingeschätzt werden. Bei den Markenwerten konnten die Probanden am besten ein Urteil über die Ruhe/Bewegtheit sowie die Zurückhaltung und Nachdruck des Markeneindrucks abgeben. Markeneindruck kann daher durch die Telefonwarteschleife beeinflusst werden und Musik kann den Eindruck des Sprechers modulieren. Den Einfluss musikalische Parameter auf die Items abzuleiten gelang aufgrund der geringen Stichprobe nicht.

Aus den Antworten der offenen Frage konnten 10 Kategorien gebildet werden. Am häufigsten (41 Personen) wurde der Zeitverlust und die Ungewissheit der Wartezeit kritisiert. 23 Personen schätzen dagegen die Gewissheit, auf alle Fälle verbunden zu werden und nutzen diese Zeit, sich auf das Gespräch vorzubereiten. Genauso viele kritisieren, das sie Geld für das Warten bezahlen müssen und vermuten zum Teil „Abzocke“.

Schlussfolgerungen

Ein modulierender Effekt von Musik auf die Wahrnehmung der Sprecherperson sowie der Markenwahrnehmung der verwendeten Hintergrundmusik bei Telefonwarteschleifen konnte festgestellt werden. Die Sprache und das Geschlecht der sprechenden Person sind aber dominierender. Generell ist die Optimierung des Aufbaues und Ablaufes von Telefonwarteschleifen zur akustischen Kommunikation zur Zeit noch bedeutungsvoller als die verwendete Hintergrundmusik.

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1 Zander, Mark F. (2006): Musical influence in advertising: how music modifies first
impressions of product endorsers and brands. In: Psychology of Music, 34 (4), p. 465-480.
Zander, Mark F./ Kapp, Markus (2007): Verwendung und Wirkung von Musik in der
Werbung. Schwarze Zahlen durch "blaue Noten"?, In: Hans-Bredow-Institut (Hrsg.):
Medien und Kommunikationswissenschaft. Sonderband 1 : Musik und Medien. Baden-
Baden, S. 92-104.
2 Beckmann, Dieter/ Brähler, Elmar/ Richter, Horst-Eberhard (1990): Der Gießen-Test (GT).
Ein Test für Individual- und Gruppendiagnostik. Handbuch. Vierte, Überarbeitete Auflage
mit Neustandardisierung 1990, Bern, Stuttgart, Toronto.
3 Ertel, Suitbert (1965a): Standardisierung eines Eindrucksdifferentials, In: Zeitschrift für
experimentelle und angewandte Psychologie, 12 (1), S. 22-58.

Eivind Aarset – Sonic Codex

Donnerstag, 13. August 2009

Das Album von 2007 ist ein Feuerwerk der melancholischen Harmonien und freien Töne.

In den Titeln treffen offene, helle und düstere Klangflächen aufeinander und erzeugen eine klangliche Illusion wie Sonnenstrahlen nach einem kurzen Regenguss. Glockenspiele wechseln Sich mit tief grollenden Sounds ab. Dies gibt der Musik eine verblüffende Räumlichkeit und Ausdruckskraft. Der Norweger versteht es, zusammen mit seiner Band aus sphärischen Klängen, Sythesizerbeats und kontrollierten Störtönen seinen Stil von black noise – white silence zu perfektionieren. Ein Genuss für Liebhaber verstörter, nervöser Klangspiele. Aber plötzlich taucht das Klangschiff auf und nimmt den Hörer mit auf wogende Meereswellen, welche mit Kalimbaklang am Strand ausplätschern.

Das Album ist auf Jazzland Recordings erschienen. Am 27. August ist Eivind Aarset im UT Connewitz live zu erleben. Im Rahmen der 33. Leipziger Jazztage ist er mit Band zu erleben.

Q:

http://www.eivindaarset.com

http://www.jazzlandrec.com

http://www.jazzlandrec.com

http://leipziger-jazztage.de/

http://www.myspace.com/eivindaarset